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Google-Angst und das Leistungsschutzrecht

In den letzten Tagen liefen bei DRadioWissen und beim digitalen Quartett zwei „Sendungen“ mit den Themen „Google vs. VG Media-Verleger“ (Eine Stunde Was mit Medien – 09. Oktober 2014) bzw. „Google-Angst“ (Ausgabe #66), auf die ich durch die Teilnahme von Prof. Dr. Mario Fischer (FH Würzburg – University of Applied Sciences) gestoßen bin. Beide kann ich euch nur wärmstens zum nachträglichen Hören bzw. Anschauen empfehlen. Zu einigen Punkten aus den Diskussionen wollte ich jetzt mal meine Meinung publizieren, da ich einige Sachen doch etwas anders sehe.

1) Aussage: Google News sei werbefrei, verdiene mit dem Dienst kein Geld und könne somit gar nichts an die VG Media-Verleger ausschütten (Lizenzgebühren).

Richtig ist, dass Google derzeit auf news.google.de keine Werbung anzeigt. Die Betonung liegt aber auf derzeit, der Zustand muss ja nicht so bleiben. In den USA hat Google beispielsweise bereits Werbeeinblendungen geschaltet und teilte die Einnahmen nicht mit den Medienhäusern, deren Inhalte von der News-Suche erfasst werden. Google bindet darüber hinaus aber zum Beispiel die News One-Boxen auch in der normalen Suche ein, wo dann natürlich Werbung ausgeliefert wird.

Zudem ist es so, dass Google weiterhin indirekt mit Google News Einnahmen generiert. Zum einen indem Leute weiter auf andere Google Angebot navigieren und dort zum Beispiel Werbung angezeigt bekommen. Des weiteren befinden sich auf vielen Verlagsangeboten Google AdSense-Anzeigen, hier erhält Google 32% der Einnahmen (68% der Publisher, in dem Fall also die Verleger).

2) Aussage: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger sei abends um 22/23 Uhr verabschiedet worden.

Das ist schlicht nicht richtig. Die namentliche Abstimmung über den Gesetzesentwurf zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger fand am 1. März 2013 um kurz nach 10:30 Uhr vormittags statt. 293 Abgeordnete votierten für den Gesetzentwurf, 243 stimmten gegen ihn. Es gab drei Enthaltungen.

3) Aussage: Thomas de Maizière soll behauptet haben, Google verkaufe Nutzerprofile.

Diese Aussage geht nicht wirklich so aus dem vermutlich gemeinten F.A.S-Artikel vom 21.09.2014 hervor. Dass Google Bewegungsprofile an eine Versicherung verkauft bzw. verkaufen könnte wird nur als beispielhaftes Szenario dargestellt, aber nicht, dass Google es wirklich macht.

4) Aussage: Die meta-Description wird extra / explizit für Google gefüllt. Nur die Suchmaschine sieht den Text und der Ersteller möchte, dass diese ausgewertet und angezeigt wird.

Die meta-Description / Kurzbeschreibung soll Suchmaschinen, Webcrawler (Robots), etc. helfen zu verstehen, um was es auf der Internetseite geht. Ein Einverständnis, diese Beschreibung zu veröffentlichen, ist damit aber nicht automatisch verbunden. Der Ersteller bleibt Urheber und eine Nutzung ist dadurch nicht automatisch auch erlaubt.

Zudem verwendet Google heute bei weitem nicht immer die meta-Description, sondern in vielen Fällen auch direkt Inhalte aus der Webseite selbst. Die ausgefüllte meta Description im head-Bereich des HTML-Dokuments wird also, auch was die Anzeige in den Suchergebnissen bei Google angeht, ignoriert.

5) Aussage: Für Google News muss man sich extra bewerben.

Das ist soweit korrekt, jedoch geht Google jetzt noch weiter und bindet in One-Boxen in den USA auch News nicht registrierter Newsquellen ein (Quelle).

6) Aussage: Verlage können die Anzeige der meta-Description und Bilderindexierung technisch selbst verhindern (Opt-Out).

Das ist richtig, jedoch ist die Frage, ob sie das müssen und dafür verantwortlich sind, die Indexierung durch Externe zu verhindern. Müsste nicht vielleicht sogar eher Google die Anzeige verhindern und dürften sie die Sachen nicht erst anzeigen, wenn der Nutzung seitens der Verlage zugestimmt wurde (Opt-In)? Zumal sich Suchmaschinen, Aggregatoren und andere nicht an die (gleichen) meta-Anweisungen halten müssen und sie ignorieren können.

7) Aussage: Wir (Deutschen) müssen Google ja nicht nutzen, es zwingt uns keiner.

Richtig, zwingen nicht, es gibt auch andere Suchmaschinen, doch liefern diese ebenso gute Ergebnisse, haben diese ein besseres Angebot? Ist es für neue Suchmaschinen in Deutschland überhaupt noch möglich, Fuß zu fassen oder ist Google mittlerweile nicht einfach uneinholbar voraus?

8 ) Aussage: Google verteilt kostenlose Dinge, bietet seine Dienstleistungen kostenfrei an.

Hier sollte man sich in meinen Augen nicht auf eine rein monetäre Betrachtungsweise konzentrieren. Wir bezahlen die Dienste, indem Google mit unseren Benutzerdaten Nutzerprofile anlegt, diese innerhalb der Dienste sammelt, verknüpft und für die Schaltung von möglichst „passgenauer“, personalisierter Werbung einsetzt. Das heißt wir erhalten zielgerichtete Werbung und zahlen quasi mit unserer Aufmerksamkeit für Marken, Produkte, Dienstleistungen whatever die wir angezeigt bekommen und dann konsumieren (Geld ausgeben). Auch wenn Google diese Profile derzeit nicht direkt an Andere verkauft, wer garantiert, dass das immer so bleibt?

9) Aussage: Amazon bedrohe die Verleger vielmehr als Google.

Kann so sein oder so kommen, aber ist jetzt kein Argument pro-Google, wenn man ehrlich ist. ;-)

10) Aussage: Dass Google die in die VG Media organisierten Verleger nicht völlig delistet, sei ein „netter“ Schachzug.

Ich denke, und das hab ich ja bereits dargestellt, dass das nicht aus einer Nettigkeit Googles heraus kommt, sondern aus der Konsequenz, dass sich die Ergebnisse vermutlich zu sehr verschlechtern würden und dass Google das kartellrechtlich gar nicht machen kann, weil es die Verleger benachteiligen und seine Marktmacht missbrauchen würde.

11) Aussage: Google ist ein „Traffic-Durchleiter“, kein Content-Provider.

Stimmt wohl, zumindest noch. Aber Google geht immer mehr dahin, Daten von externen Seiten zu extrahieren und selbst anzuzeigen (Knowledge-Graph bspw.) und so ein Durchklicken nicht mehr erforderlich ist. Diese Entwicklung ist klar erkennbar.

12) Aussage: Es gibt keinen Fall, wo ein Google-eigenes Angebot bevorzugt wurde.

Das ist auch schlecht zu beweisen, da müsste man schon tiefe Einblicke in Googles Inneres bekommen, um das überhaupt belegen zu können. Fakt ist aber, dass Google eigene Produkte, wie neue vertikale Suchen (Flüge, Hotels, usw.), prominent einbindet und somit den eigentlichen organischen Suchergebnissen Platz und Aufmerksamkeit / Wahrnehmung entzieht. Zudem bewirbt Google eigene Angebote mittels AdWords quasi für lau („bei einer Bezahlung aus der linken in die rechte Tasche“).

Fristverlängerung für VG Media-Verleger: Wieso Google?

Da kündigte Google am 1. Oktober groß an, dass die in der VG Media organisierten Verleger ab dem 9. Oktober nicht mehr mit Snippets (Textausschnitten) und Thumbnails (Vorschaubildern) in der Suchmaschine dargestellt werden und was passiert gestern an besagtem Datum?!? Nichts bzw. räumt Google nach einer Bitte der Verleger!! – man bräuchte noch Zeit, um Googles Vorgehen zu bewerten – eine Fristverlängerung um zwei Wochen bis zum 23. Oktober 2014 ein.

Da stellt sich doch die Frage: Hää, wieso machen die das denn? Eine gute Frage, fürchtet Google da vielleicht doch mehr Ungemach und knickt jetzt vielleicht (schrittweise) ein? Ein Zeichen des guten Willens bzw. Aufeinanderzugehens? Tja, so ganz nachvollziehbar ist das für mich jetzt bezogen auf Googles Vorgehen auch nicht, präsentiert man sich doch sonst so als „der Überzeugte“.

Vielleicht liegt es ja daran, dass sich Google in Wirklichkeit gar nicht mal so sicher ist (zu welchem Grad auch immer man das sein kann ;-) ), ob die veränderte Darstellung der VG Media-Wahrnehmungsberechtigten mitsamt seiner eventuellen Konsequenzen durch den Algorithmus (Abrutschen in den Rankings durch z.B. schlichtere Klickraten, Userverhalten, etc.), nicht auch eine unzulässige Benachteiligung darstellen würde… Wie in meinem vorherigen Post angesprochen, führt das im weiteren Verlauf der „Auseinandersetzung“ ja vielleicht sogar dazu, dass Google Hand am Algorithmus anlegen muss, um eine verschlechterte Listung der Verleger aufgrund der veränderten Darstellung (nur verlinkte Überschrift, keine Beschreibung und Bildchen mehr) auszuschließen?!?

Auch in den Kommentaren zum Google+-Post fragen sich viele, warum Google nicht einfach „kurzen Prozess“ macht und die angekündigte Umstellung einfach wie geplant durchzieht? Was soll das? Im schlimmsten Fall „darf“ Google für die verlängerten 14 Tage sogar noch (zusätzlich, weil eigentlich wären die Snippets und Thumbnails ja schon weg) Lizenzgebühren an die VG Media abdrücken…

Warum deindexiert Google die VG Media-Verleger nicht?

Zunächst zum Hintergrund: Philipp Justus, Managing Director von Google Germany, gab gestern in einem Blogpost bekannt, dass Google in seiner Suche zukünftig keine Snippets (Textausschnitte) und Thumbnails (Vorschaubilder) mehr für Verleger-Webseiten anzeigen wird, die in der VG Media organisiert sind. Betroffen sind weit über 100 Websites, darunter Angebote von Axel Springer (u.a. bild.de, welt.de, bz-berlin.de), Burda (u.a. Chip Online, bunte.de), Funke, Madsack und M. DuMont Schauberg. Für diese Seiten sollen laut Google-Sprecher Ralf Bremer ab dem 9. Oktober 2014 in den Google Angeboten nur noch der Link zum Artikel sowie dessen Überschrift erscheinen.

Auslöser ist eine Klage der VG Media mit Verweis auf das neu geschaffene Leistungsschutzrecht für Presseverleger (trat am 1. August 2013 in Kraft), wodurch Verlage bereits für die Nutzung von kleinen Textausschnitten (längere oder komplette Texte sind ohnehin durch das Urheberrecht geschützt) ihrer Erzeugnisse Lizenzvergütungen verlangen können. Google besitzt den Standpunkt, dass die von ihnen dargestellten Snippets keinen Vergütungsanspruch auslösen, da nach dem Gesetz „einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte“ ausgenommen, d.h. nicht lizenzpflichtig, seien. Die VG Media sieht das anders. Als Reaktion auf den laufenden Rechtsstreit haben andere deutsche Anbieter schon vor einiger Zeit die Inhalte von Mitgliedern der VG Media vollständig entfernt.

Warum deindexiert Google die VG Media-Mitglieder nicht?

Warum aber tut es Google GMX, Web.de und T-Online nicht gleich und entfernt die Inhalte der VG Media-Mitglieder nicht vollständig? Im Google-Blogpost klingt es so an, als handle Google hier so uneigennützig, indem sie den Verlagen seit eh und je kostenlosen Traffic liefern. Dass es aber Google auch irgendwo treffen würde, wenn sie die Angebote vollständig entfernen würden, wird nicht erwähnt. Ob des Vorgehens muss man es aber vermuten. So scheint es, als wären die Auswirkungen auf die Qualität der Suchergebnisse für Google dann vielleicht doch so immens, dass man es sich nicht erlauben kann, den Nutzern einfach einige der größten deutschen Internetangebote in der Suche komplett vorzuenthalten. Google wird eine Nichtberücksichtigung (ausgewählter Verleger-Webseiten) vermutlich schon mal in kleinerem Rahmen getestet und die Auswirkungen analysiert haben, um im Endeffekt festzustellen, dass die davon ausgehende „Gefahr“ wohl (derzeit) zu groß wäre. Die Qualität der Suchergebnisse ist nun mal das A und O für eine Suchmaschine. Und wenn diese merklich für den User sinkt, könnte Google Marktanteile und damit selbst einiges an Geld in Deutschland verlieren…

Eine andere oder weitere Erklärung wäre, dass es kartellrechtlich wirklich problematisch sein könnte, wenn Google als das dominierende Unternehmen in der deutschen Suche (94% Marktanteil) die Angebote der Verlage gegen deren Willen/Zutun vollständig entfernen würde. So sagt Till Kreutzer, Anwalt für Urheberrecht, gegenüber zeit.de: „Das Kartellamt hat in einem Nebensatz erwähnt, dass Google möglicherweise seine Marktmacht missbrauchen würde, wenn es bestimmte Inhalte gar nicht mehr anzeigt“.

Aber auch ohne ein De-Listing besteht die Frage, in wiefern die Wahrnehmungsberechtigten der VG Media gegenüber Wettbewebern (die das Leistungsschutzrecht nicht für sich geltend machen) bei Google benachteiligt würden (führt der Algorithmus direkt oder indirekt dann zu schlechteren Positionen?), wenn nur für sie keine Snippets und Vorschaubilder mehr angezeigt werden und in wieweit das kartellrechtlich vertretbar ist. Muss Google in der Konsequenz sogar vielleicht seinen Suchalgorithmus so anpassen, dass aus der veränderten Darstellung (weil sie ja keine Lizenzgebühren zahlen „möchten“) keine Nachteile für die durch die VG Media organisierten Verleger in der Suche (News/Web) entstehen?!?

Großer Trafficverlust?

Dann prophezeien ja einige schon, dass die betroffenen Webseiten durch die neue Darstellung in Google eine Menge Traffic verlieren werden. Dabei ist noch nicht klar, wie die ganze Einbindung aussehen wird oder hat Google irgendwo bereits mitgeteilt, dass die Seiten so interpretiert werden als hätten sie die „nosnippet“- bzw. „noimageindex“-Anweisung integriert? Wer weiß denn, wie der User in etwa darauf reagieren wird (das sind ja immer noch die Bild, Welt, Chip Online, usw!!)? Allein durch die aktuelle Berichterstattung und mögliche Auswirkungen auf das Verhalten der Suchmaschinennutzer wird derzeit niemand wissen können, wie sich das „neue großflächige Google-Design“ (es sind einfach mal richtig große Seiten betroffen!) letztendlich auf den Traffic der Verlegerseiten auswirken wird.

Und wenn Google ansonsten nichts am Algorithmus ändert, wie es in der Onlinepresse nachzulesen ist, dann werden wohl zu Beginn auch erstmal keine Positionen für andere frei. Spannend wird aber zu beobachten sein, wie sich die Sichtbarkeit der Verleger-Webseiten im weiteren Verlauf entwickelt, denn hier sind dann unter Umständen Rückschlüsse auf die Bedeutung von beispielsweise Klickraten (mit/ohne Description) in den SERPs im Algorithmus möglich.

Alles in allem bin ich gespannt, wie es zwischen Google und VG Media weitergeht.